Autos statt Lindenbäume in Amelinghausen
Ich möchte Sie heute auf eine Zeitreise in die Vergangenheit von Amelinghausen mitnehmen. Anhand von vielen, alten Bildern wollen wir uns ein Bild davon machen, wie das dörfliche Leben um 1900, also vor ca. 130 Jahren, ausgesehen hat. Unser Dorf hatte zu der Zeit ca. 500 Einwohner, die hauptsächlich von der Landwirtschaft lebten. Die wenigen Handwerker, die es gab, waren landlos und lebten als Einlieger bei einem Bauern und halfen im Gegenzug für Kost und Logie auf dem Hof mit. Man lebte in einer Dorfgemeinschaft und kannte sich. Die Betriebsamkeit am Tage wurde nachts durch eine Totenstille abgelöst. Es war dunkel und man musste im Haus bleiben.
Durch die Industrialisierung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts änderte sich das ruhige ländliche Leben. Die Städte wurden immer größer, und ihre Bewohner suchten das ländliche Idyll mit der schönen Landschaft, die bei uns durch große Heideflächen geprägt war. Obwohl Amelinghausen erst 1913 an das Eisenbahnnetz angeschlossen wurde, konnte man schon vor 1900 jeden Tag mit der Postkutsche oder dem Pferde-Omnibus, der Platz für acht Personen hatte, nach Lüneburg oder Soltau fahren. Um 1890 war der bekannte Heideschriftsteller August Freudenthal aus Soltau in Amelinghausen. In seinem Buch „Heidefahrten“ beschreibt er unser Dorf mit folgenden Worten: Wir unternahmen „in der Zeit zwischen unserer Ankunft und der Fertigstellung des Abendessens noch einen Gang durch das Dorf Amelinghausen, das … im Schmuck seiner sauberen Gärten und lindenbeschatteten Straße und seiner von freundlichen Gärten umgebenen … Häuser einen sehr freundlichen und behäbigen Eindruck macht“ (S. 53). Das Gasthaus, in dem Freudenthal Quartier gefunden hatte, war das Gasthaus Studtmann (unser heutiges Rathaus). Zu der Zeit gab es in Amelinghausen entlang der heutigen B 209 vier Gasthäuser: Rörup, Studtmann, Schenck und Fehlhaber (ehemals Meier). Die ersten drei Genannten waren Halbhöfner mit einer Schankberechtigung. Sie betrieben nebenbei ihre Landwirtschaft noch bis Mitte 1960.
Die vielen Linden prägten früher das Dorfbild. Sie spendeten im Sommer Schatten, hatten reichlich Nektar für die Bienen, wehrten die Feuerfunken ab, wenn das Nachbarhaus brannte, und schützten das Haus vor Sturm in der kalten Jahreszeit. Eigentlich hätte unser Dorf „Lindendorf Amelinghausen“ heißen müssen.
Von Soltau kommend fielen sofort die um 1830 gepflanzte Dorflinde und die vier Linden auf dem Pfarrgrundstück auf. Eine davon stand im Pfarrgarten und war 400 Jahre alt und diente lange als Hintergrundkulisse für Gruppenbilder. Sie musste leider Anfang der 1990er Jahre gefällt werden, da sie altersschwach war und drohte, auseinanderzufallen.
Die Dorflinde war ein Treffpunkt im Dorf und symbolisierte Gemeinschaft und friedliches Miteinander. Noch bis 1960 endete der Umzug beim Erntedankfest mit Volkstänzen unter der Dorflinde. Da die Linde herzförmige Blätter hat, war sie auch ein Zeichen für Liebe und Frieden. Früher standen vor dem Haus immer vier Linden. So war es auch bei allen Häusern auf der linken Straßenseite vom heutigen Rathaus bis zur Gastwirtschaft Erler. Hinzu kommen noch die vielen Linden hinter den Häusern. Insgesamt hatte es im Dorf 60 bis 70 Lindenbäume gegeben. Vor den Gasthäusern standen früher Tische und Stühle, die von den Gästen gerne aufgesucht wurden. Man wollte sehen, wer auf der Straße vorging und welche Automarken vorbeifuhren. Zu der Zeit waren Autos eine Rarität und nur am Sonntag zu sehen. Vor 1945 gab es in Amelinghausen und Sottorf nur wenige Privatautos. Die Motorisierung begann erst nach 1950. Bis 1960 gehörte die Straße ausschließlich den Fußgängern und Pferden. Es gab eine sehr schmale, mit Kopfsteinen gepflasterte Straße und einen daneben verlaufenden Sandweg, der im Sommer von den Pferden genutzt wurde, um die Hufe zu schonen. Daher auch die Bezeichnung Sommerweg.
Heute stehen vor den Gasthäusern keine Tische mehr. Säße man dort, würde man aufgrund der vielen vorbeirasenden Autos und Lastwagen sein eigenes Wort nicht verstehen, und der Blick auf die andere Straßenseite wäre durch die großen Lastwagen versperrt. In dieser Hinsicht hat die Motorisierung uns Dorfbewohnern keinen Segen gebracht.
Text und Bilder: Hans-Friedrich Müller
Schencks Gasthaus
Gasthaus Fehlhaber 1950
Dorflinde mit Gasthaus Studtmann im Hintergrund
Schlachterei Hermann Drewes, heute Hörgeräte Sögding
Schencks Gasthaus mit Tankstelle
Geschäftshaus Vogt auf der rechten Seite
Schlachterei Holger Drewes
Blick auf die Dorflinde und
ehemalige Pfarrscheune
Dorfplatz mit Linde und Lehrer Bergmann 1930
Ehemaliger Friseur Heinike, gegenüber von Schlachter Drewes