Jungfernstieg
Historische Deutung des Straßennamens
© Günther Ehlert
Amelinghausen kann sich damit rühmen, dass es - wie die Großstadt Hamburg - auch einen Jungfernstieg hat. Vergleicht man aber beide Straßen, stellt man sofort fest, dass der Hamburger Jungfernstieg mit den vielen extravaganten Geschäften an der Alster liegt, in denen nur wohlhabende Bürger es sich leisten können, ihre Einkäufe zu tätigen. Mit einer „Shopping Mall“ kann Amelinghausen bei Weitem nicht aufwarten.
Vor 1900 gab es am heutigen Jungfernstieg in Amelinghausen nur drei Häuser: Stellmacher August Gade (alte Bezeichnung: Hausnummer 28), das Pfarrwitwenhaus (Nr. 38) und das Malergeschäft Heinrich Müller (Nr. 47). Alle anderen Häuser in dieser Straße sind nach 1900 erbaut worden.
Untersucht man nun die historischen Gründe für diese Namensgebung, dann gibt es doch gewisse Gemeinsamkeiten. In Hamburg - wie auch in Amelinghausen - war der Jungfernstieg ein Ort der interaktiven Kommunikation zwischen den beiden Geschlechtern.
In Hamburg war es im 18. und 19. Jahrhundert für das Großbürgertum üblich, an Sonn- und Festtagen mit den heranwachsenden und noch ledigen Töchtern an der Alster zu promenieren. Man hoffte, für die Tochter einen netten Jüngling aus derselben sozialen Schicht zu treffen. Wie es sich für das Großbügertum ziemte, war man standesgemäß gekleidet.
Und nun zu Amelinghausen: Im Haus Jungfernstieg Nr. 1, das sich heute im Besitz der Familie Erler befindet (gegenüber vom Fliesenfachgeschäft Grabowski), wohnte um 1900 der Stellmacher und Bürgermeister August Gade. Er hatte fünf hübsche Töchter, die Marie(chen), Elli, Erna, Berta und Anna hießen.
Nachdem diese konfirmiert waren, wurden die Amelinghausener Junggesellen sehr schnell auf sie aufmerksam.
Wenn nun ein Jüngling aus dem Dorf abends heimlich eine von den
Gade-Töchtern aufsuchte,
wählte er den kürzesten Weg, auf dem er auch nicht so leicht von Nachbarn erkannt und gesehen werden konnte. Denn - anders als in Hamburg - durfte niemand von dem Rendevous erfahren. So lange man nicht versprochen war, musste das Treffen heimlich sein. Natürlich hatte es sich im Dorf herumgesprochen, dass es einen kleinen Trampelpfad gab, auf dem „de jungen Mannslüüd ut‘n Dörp“ mittwochs (am sogenannten Köökschenabend) und sonntags sich „to de drallen Deerns“ begaben. Der eigentliche Jungfernstieg ist der in der Skizze gekennzeichnete Trampelpfad, der von „Tante Adele“ (jetzt Eis-Cafe Elena) aus zwischen dem „Gasthaus Schenck“ und der „Heideschlachterei Drewes“ hoch zum „Bisood“ (bei Rainer Schütze) und weiter am Pfarrwitwengarten vorbei bis hin zu den „Jungfern“ von Stellmacher Gade führte.
Gingen die Junggesellen aber die heutige Marktstrasse hoch, am ehemaligen Spritzenhaus vorbei und dann in Richtung August Gades Haus, trägt der heutige Jungfernstieg zu Recht seinen Namen.
Auf jeden Fall war der Jungfernstieg damals ein kurzer Weg und reichte nicht, wie heute, vom Anfang der Bockalle bis hinunter zur Haupstraße .
Eines kann man aber mit Verlaub sagen: die „Jungfern“ in Amelinghausen versprachen auch wirklich das, als was man sie bezeichnete, denn von 1878 bis 1919 „regierte“ Pastor Ahlert in Amelinghausen und führte ein strenges kirchliches Regiment. Wer nicht keusch und züchtig lebte und einen liederlichen Lebenswandel führte, wurde sonntags während des Gottesdienstes ex catedra zur Raison gebracht. Auch wenn er nicht immer den Namen expressis verbis nannte, wusste doch jeder Kirchgänger, um welche Person es sich handelte.
Beitrag und Skizze: Fietes Dorfarchiv