„Schlachteköst“
Hausschlachtungen anno dazumal
Früher waren die Landbewohner größtenteils Selbstversorger. Jede Familie hatte einen eigenen Gemüsegarten – wenn nicht als Eigentum, dann als Pachtland. Es gab keine Supermärkte wie heute. Lediglich einen Kolonialwarenladen, für Dinge, die man selbst nicht hatte, u.a. Gewürze, wie Pfeffer, der für die Hausschlachtung wichtig war und aus den ehemaligen Kolonien kam. Daher die Bezeichnung. Wer ein Nebengebäude hatte, hielt sich ein Schwein, dass nach einer Mastzeit von einem Jahr ein Schlachtgewicht von 3½ Zentnern hatte. Das Tier wurde nach dem heute viel benutzten Terminus „Nachhaltigkeit“ gefüttert: mit eigenen Kartoffeln, Gemüseabfällen aus dem eigenen Garten und geammelten Eicheln. Getreideschrot wurde in kleinen Mengen verabreicht. Das Getreide bauchte man fürs Brot, das früher in größeren Mengen als heute gegessen wurde.
Da es die heutigen Kühlmöglichkeiten vor 1900 nicht gab, war die kältere Jahreszeit ab Anfang November fürs Schlachten ideal. In Amelinghausen und Sottorf gab es mehrere Maurer, die während der Wintermonate ihren Beruf wegen des Frostes nicht ausüben konnten und sich als Blockschlachter Geld dazu verdienten. Eine offizielle Lehrzeit gab es nicht. Wer Blockschlachter werden wollte, ging über die Wintermonate bei einem älteren Kollegen in die „Lehre“.
War der Schlachttermin anberaumt, mussten alle erforderlichen Gerätschaften für den Tag vorhanden und gereinigt sein: Waschkessel, Brühtrog, Schweineleiter, Krummholz, Stricke, Schlachtemollen, hölzere Schöpfkellen, Wurstspieße, Wurstband, Fleischwolf, scharfe Messer, genügend Pökelsalz und alle erforderlichen Gewürze und nicht zuletzt genügend helfende Hände. Hier halfen sich die Nachbarn gegenseitig; daher mussten die Schlachttermine aufeinander abgestimmt sein.
War es dann soweit, erschien der Schlachter morgens um sieben. Das Wasser im Kessel musste kochend heiß sein, deshalb wurde am Vorabend schon mit dem Heizen begonnen.
Das Schwein wurde langsam vom Stall zum „Schafott“ geführt. Das musste stressfrei erfolgen, damit die Fleischqualität nicht litt. Zwei bis drei kräftige Männer packen dann das Schwein, legten es auf den umgedrehten Brühtrog und hielten es fest, damit der Schlachter das Tier mit dem Bolzenschussgerät betäuben konnte. Das Schwein wurde abgestochen und das Blut in einem Eimer unter kräftigem Rühren aufgefangen. Über den kleinen Schweineschwanz gab es häufig einen Streit. Jeder wollte ihn haben, um ihn unbemerkt einer Person hinten an die Jacke zu binden.
Nun wurde das Schwein in den Trog gelegt und mit heißem Wasser überbrüht und die Borsten mit einer sogenannten Glocke abgeschrubbt. War es „glatt rasiert“, wurde es an einer Leiter aufgehängt und schräg an die Hauswand gelehnt. Die härteste Arbeit war nun erledigt. Zeit für das zweite Frühstück. Jetzt war auch der „Finnenkieker“ (Trichinenbeschauer) Tierarzt Dr. Oskar Scheiber da. Er bekam mehrere Fleischproben vom Schlachter und legte sie unters Mikroskop; meistens war der Befund negativ und das Tier bekam an sechs Stellen einen Stempel. Häufig sagte er: „Seid man nicht so geizig mit den Proben, mein Hund will auch was haben“. Dann gab es ein oder zwei „steife Rumgrog.“
Das Tier wurde ausgenommen, zerlegt und die beiden Schinken mit Salz gepökelt. Ein kleiner Teil vom Frischfleisch wurde durch den Wolf gedreht und kam abends als Delikatesse auf den Tisch. Aus dem Rückenstrang wurden Karbonaden geschnitten und am nächsten Tag gebraten und eingeweckt. Das restliche Fleisch wurde zu Leber-, Blut-, Mett-, Kopf- und Grützwurst verarbeitet. Der Wurstkessel war den ganzen Tag am Kochen. Der Arbeitsraum war voller Dampf; es roch herrlich und regte den Appetit an.
Bevor die Würste gestopft wurden, kam noch das Wichtigste: das Abschmecken. Hier hatte die Hausfrau das letzte Wort. Schließlich sollte die Wurst schmackhaft gewürzt sein.
Wo viele Personen den ganzen Tag über hart arbeiten, wird natürlich viel geredet und allerhand Schabernack getrieben. Auch wir Kinder wurden auf den Arm genommen. Als ich noch klein war, sagte der Schlachter zu mir: „Geh mal rüber zum Nachbarn und hol den Schinkenhobel.“ Mit einem nicht ganz leichten Sack kam ich zurück. Als Antwort kam kein Dankeschön sondern: „Nicht den kleinen, sondern den großen“. Dann merkte ich aber, dass er mir einen aufgebunden hatte.
Gegen Abend mussten wir Kinder eine große Kanne mit Brühe und jeweils eine kleine Leber- und Blutwurst zu den Nachbarn bringen. Schlachteten die Nachbarn, bekamen wir auch eine Kostprobe. Auf diese Weise hatte man in der Vorweihnachtszeit immer frische Würste und auch Brühe für einen kräftigen Eintopf.
Abends saß man gemeinsam an einem großen Tisch und ließ es sich schmecken. Es gab natürlich frisches Mett und Wellfleisch, was als Stäk bezeichnet wurde und nicht mit dem englischen Wort Steak zu verwechseln ist. Stäk ist ein plattdeutsches Wort und bedeutet Stich; das ist die Fleischpartie unterhalb vom Schweinekopf, dort, wo der Schlachter das Tier abgestochen hat. Das hört sich blutig an, schmeckt aber gekocht und mit Salz und Pfeffer gut - besonders nach einem harten Arbeitstag. Nach dem Essen haben die Männer bis spät abends Skat gespielt und dabei Bier und Schnaps getrunken, während die Frauen noch mit dem Abwaschen und Aufräumen beschäftigt waren.
Heute bekommen wir einen Weihnachtsbraten ohne diesen großen Aufwand. Ich wünsche Ihnen, liebe Leser, ein frohes Fest und ein gesundes neues Jahr.
Hans-Friedrich Müller
© Uwe Thiede
© Hans-Friedrich Müller
© Uwe Thiede