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Die Dehnsener kollaborieren mit ungarischen Freiheitskämpfern und bieten ihnen Unterschlupf

Wir schreiben das Jahr 1848:

Es ist kaum zu glauben, dass ein kleines einsames Heidedorf mit nur fünf Hofstellen und kaum mehr als 80 Einwohnern sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts politisch so stark engagierte und hochrangige ungarische Freiheitskämpfer, die für ein von Österreich unabhängiges Ungarn kämpften, aufnahm und sie vor der Polizei versteckte. Ein dreifaches Hoch auf den Mut und das politische Bewusstsein der Dehnsener zu einer Zeit, als der Adel für sich allein die politische Macht beanspruchte. Die hannoversche Polizei, die für die Österreicher Amtshilfe leistete, hatte es nicht geschafft, das „Dehnsener Terroristennest“ auszuheben.

Dehnsen war für die 1850er Jahre nicht nur ein Zentrum, in dem ausgiebig über demokratische Rechte für das Bürgertum und die Abschaffung des „Ancien Régime“ diskutiert wurde, sondern auch ein Ort, wo musiziert wurde, u.a. mit Johannes Brahms (1833-1897) und dem bekannten ungarischen Violinisten Eduard Reményi (1828-1898). Wäre das nicht ein Anlass für die Dehnsener, einen Brahms- Freundeskreis zu gründen, um alle zwei Jahre Brahms-Wochen zu veranstalten, so wie in Winsen (Luhe)?

Diese provokativen Äußerungen dürfen natürlich nicht ohne Nennung und kritische Beurteilung der vorhandenen historischen Quellen im Raum stehen bleiben.

Die englische Pianistin und Musikpädagogin Florence May (1845-1923), die sich von 1871-1873 in Deutschland aufhielt, hatte bei der Pianistin und Komponistin Clara Schumann - kurzfristig auch bei Johannes Brahms - Klavierunterricht. In ihrem Buch „The Life of Johannes Brahms“, 2 Bände, London 1906, berichtet sie u.a. dezidiert über die politischen Unruhen in Österreich und Deutschland im Jahr 1848 und ebenso über die ungarischen Regimegegner in Dehnsen. Von ihr erfahren wir, welche Rolle Dehnsen in dieser Zeit gespielt hat.

„Der Violinist (Reményi) hatte seine eigenen Verbindungen in der Gegend: Begas (bzw. Bagyats), ein ungarischer Magnat, hatte sich in Dehensen in der Lüneburger Heide in einer großen Villa niedergelassen, die ihm solange zur Verfügung stand. wie es ihm möglich war, der Polizei auszuweichen… Begas hielt offenes Haus für seine Landsleute und deren Freunde. In seinen Kreis wurde Brahms eingeführt, und ein lebhafter gesellschaftlicher Verkehr erwuchs durchaus zwischen Dehensen und Winsen, denn einige Musiker, die bei Begas wohnten, kamen gern, um mit Reményi und Johannes zu spielen.“ (May: The Life of Johannes Brahms, Band 1, Seite 93)

Der wohl vermögende Begas soll unter dem falschen Namen Justinus Becker 1851 einen Hof in Dehnsen gekauft und im April 1851 eine Bachmann‘sche Tochter geheiratet haben. Bis heute wird dieser Hof in der Brahms-Forschung gesucht. Dieses Rätzel kann anhand des Dehnsener Verkoppelungsrezesses vom 10. Dezember 1852 gelöst werden, denn für den Hof Bergmann, der in früheren Zeiten auch Bargmann genannt wurde, leistete Justinus Becker seine Unterschrift unter den Verkoppelungsrezess mit der Ergänzung olim (vormals) Bergmann. Bild vom Vertrag mit der Unterschrift von J. Becker Die Bachmann‘sche Tochter, die er geheiratet haben soll, war eine Tochter des Hofbesitzers Bergmann.

Florence May hat das in der plattdeutschen Sprache ausgesprochene Wort „Barchmann“ als Bachmann verstanden. Dass Begas eine Bergmann-Tochter 1851 geheiratet haben soll, kann durch die Amelinghausener Kirchenakten nicht belegt werden. Wenn May von einer Villa in Dehnsen spricht, meint sie wohl eher das lateinische Wort villa mit der Bedeutung Landhaus. Statt Dehnsen schreibt sie Dehensen.

Dass Begas den Hof Bergmann 1851 gekauft haben soll, war zu der Zeit nicht möglich, weil die Bauern noch lehnsabhängig waren und den Hof lediglich als Leihgabe vom Lehnsherrn besitzen und bewirtschaften durften. Dafür mussten sie jährlich Abgaben zahlen sowie Hand- und Spanndienste leisten. Taten sie dieses regelmäßig, durfte der Hof in der Familie vererbt werden. Der Bauer war erst dann Eigentümer seines Hofes, nachdem er den 25- fachen Satz der jährlichen Abgaben - wobei die Hand- und Spanndienste kapitalisiert wurden – an seinen Lehnsherr entrichtet hatte. Dieses war in Dehnsen erst nach 1853 möglich. Die Lehnsherrschaft über den Hof Bergmann hatten die Ämter Winsen und Scharnebek gemeinsam. Ein Ablösungsvertrag ist nicht mehr vorhanden.

Dass Begass den Verkoppelungsrezess mit seinem Pseudonym unterschrieben hat, kann vielleicht damit begründet werden, dass er der Familie Bergmann reichlich Geld für die Unterbringung seiner Landsleute gegeben und auf einen späteren Erwerb der Hofstelle spekuliert hat. Seit 1936 ist die Familie Wischmann Besitzer dieses ehemaligen Halbhofes.

Hans-Friedrich Müller

Ede Reményi, ungarischer Violinist (1828-1898, links) und Johannes Brahms (1833-1897), deutscher Komponist (Brahms stehend)© Urheber des Bildes unbekannt / gemeinfrei