Der Beginn einer selbstbestimmten und ideologiefreien Jugendarbeit in Amelinghausen nach 1945
Die Engländer konnten zum Glück beide Dörfer mehr oder weniger kampflos einnehmen, weil die belgische SS und die meisten Wehrmachtsoldaten sich schon Ende März 1945 in Richtung Soltau abgesetzt hatten. Die Vierlingsflak, die auf dem Schlangenberg in der Nähe der ehemaligen Kieskuhle stand, war nicht mehr da. Somit konnte auch mit Hilfe der Hitlerjungen kein Widerstand geleistet werden. Wäre sie zum Einsatz gekommen, hätten die Engländer das Dorf in Schutt und Asche gelegt.
Am 17. April war der Spuk der Nationalsozialisten vorbei und die Bevölkerung musste sich auf eine neue Zeit einstellen.
Den HJ-Jungen war jetzt bewusst geworden, was man ihnen die ganzen Jahre vorgegaukelt hatte. Die Bilder, die sie bis dahin von Engländern, Franzosen und Russen in öffentlichen Medien zu sehen bekommen hatten, erweckten den Eindruck von unzivilisierten Menschen und sollten ein Gegenbeispiel zur arischen Rasse sein. Als Horst Stelter (Jahrgang 1932) die englischen Soldaten zum ersten Mal sah, sagte er ganz erstaunt: „Mensch, die sehen ja genau so aus wie wir.“
Die Jugend war jetzt für eine kurze Zeit auf sich selbst angewiesen. Bis zum Herbst gab es auch keinen Schulunterricht. Das sollte sich aber bald ändern, denn Anfang Juli 1945 kam ein junger ehemaliger Offizier aus der Kriegsgefangenschaft nach Amelinghausen und fand beim Gastwirt und damals auch noch Landwirt Schenck Unterkunft und Arbeit. Die Dorfbewohner wurden schnell auf Gerhard Roick aufmerksam, denn er scheute die Arbeit nicht, hatte viele Ideen, sprach fließend Englisch – was für die Kommunikation zwischen dem Dorf und der englischen Militärverwaltung von großem Vorteil war - und kümmerte sich sehr schnell um die Dorfjugend. Schon wenig später hatte man ihn zum Jugendpfleger bestimmt.
Das erste offizielle Jugendtreffen fand am 26. März 1946 im Saal von Gastwirt Studtmann statt (heute Rathaus).
Zum 27./28. April 1946 lud die Kreisjugendpflegerin alle Jugendleiter und Jugendleiterinnen und auch die Jugendgruppenleiter der Sport- und Turnverbände zu einer Tagung ein, auf der „von berufenen Vertretern Vorträge über die Probleme der Jugendarbeit zu hören … waren und um … deren praktische Auswertung durchzusprechen.“ Man sieht, es geht hier um eine völlig neue Ausrichtung der Jugendarbeit.
Vom 4. Mai – 14 .Mai 1946 fand im Schaufenster von Schneidermeister Heinrich Drewes eine Ausstellung statt, die die Arbeiten der Amelinghausener Jugend zeigen sollten. Die Mädchen hatten Baby- und Kindersache genäht und die Jungen Spielzeug aus Holz angefertigt. Nach der Ausstellung wurden die Sachen verteilt.
Leutnant Harper und Major Dick von der englischen Militärverwaltung waren der Einladung gefolgt und von der hiesigen Jugendarbeit begeistert.
Es hat wohl auch daran gelegen, dass Gerhard Roick den Dolmetscher spielte und alle Fragen der Engländer gut beantworten konnte. Das gute Verhältnis zwischen Roick und den beiden Engländern sollte für ihn später von großem Vorteil sein. Dazu mehr in der April-Ausgabe.
Hans-Friedrich Müller
Gerhard Roick
© Urheber des Bildes unbekannt / gemeinfrei
Gerhard Roick
© Urheber des Bildes unbekannt / gemeinfrei