Der Backhausweg: Ein Ort, an dem früher viel herumgeflachst wurde
Ein Ort der Kommunikation ohne Smartphone, WhatsApp, Emojis und Tinder
Backhaus aus: Bäuerliches Hauswesen und Tagewerk im alten Niedersachsen von Wilhelm Bomann, Celle 1937
Karte von 1829 für die Verkoppelung (Flurbereinigung)
Flachsbreche
Das Verb „flachsen“ hat heute die Bedeutung von Blödeln, Herumalbern, Unsinn treiben oder einander necken, um nur einige Synonyme zu nennen. Von der Wortbedeutung her könnte man meinen, dass die Redewendung auf den Anbau der Flachspflanze bzw. deren Verarbeitungsprozess zurückgeht.
Die Sprachwissenschaftler sind jedoch der Meinung, dass das Verb „flachsen“ aus dem Rotwelschen kommt - einem mittelalterlichen Soziodialekt (Sprache einer bestimmten Gruppe) der fahrenden Kaufleute und Gauner - und soviel wie schmeicheln und betrügen bedeutet. Soweit ganz kurz die wissenschaftliche Theorie, die allerdings nur solange gültig ist, bis jemand sie widerlegt! Ich möchte nicht behaupten, dass unsere Vorfahren durch Rumflachsen ihre Mitmenschen betrügen wollten, vielmehr wollten sie bei der manchmal eintönigen und kräftezehrenden Arbeit ihren Spaß haben.
Der Anbau von Flachs und die Verarbeitung zu Leinen war für die Heidebauern bis zur Einfuhr der Baumwolle aus Amerika um 1900 ein wichtiges wirtschaftliches Standbein. Aus den feinen Flachsfasern wurde strapazierfähiges Leinen für Tischdecken, Handtücher, Bettbezüge und Kleidungsstücke hergestellt. Was man selbst nicht brauchte, wurde auf dem Lüneburger Markt verkauft. Aus den groben Flachsfasern, der sogenannten Hede – praktisch die zweite Wahl - wurden unterschiedlich große Leinensäcke und Schürzen für den häuslichen Gebrauch hergestellt.
Der weiß-bläulich blühende Flachs, der am 100. Tag gesät und nach 100 Tagen geerntet wird (so die Faustregel), wird aus dem Boden gezogen, gebündelt und kurz zum Trocknen aufgestellt.
Dann wird er auf einer nassen Wiese ausgebreitet und bleibt dort vier bis fünf Wochen liegen. Durch die Nässe und mithilfe von Pilzen und Bakterien verrottet der innere harte Kern der Pflanze und löst das Pektin, das die außen liegenden Flachsfasern verklebt. Sind die Flachspflanzen mürbe, also brüchig, werden sie zum Trocknen gebündelt und auf der Diele von den Samenkapseln befreit. Diesen Arbeitsgang nennt man „Riffeln“.
Nach der Ernte im Herbst kommt dann der große Arbeitseinsatz vor dem „Bauer-Backhaus“.
In der Flurkarte der Verkoppelung (Flurbereinigung) von 1829 wird dieses gemeinschaftlich betriebene Backhaus erwähnt. Mit dem Wort „Bauer“ war im Mittelalter nicht nur eine Person gemeint, die Früchte anbaut, sondern auch etwas, was zur Gemeinde gehört. Das „Bauer-Backhaus“ wurde nur zum Dörren oder Rösten des Flachses genutzt und lag wegen der großen Feuergefahr am Rande des Dorfes. Im Gegensatz zum geschlossenen Backhaus auf den Höfen hatte das „Bauer-Backhaus“ einen größeren Ofen mit einem offenen Schauer (Überstand), unter dem bis zu 20 Personen den Flachs mit der sogenannten „Handbrake“ bearbeiten konnten.
Bis 1850 war das „Braken“ nicht nur ein anstrengender Arbeitstag, sondern auch ein Anlass zu einem fröhlichen Beisammensein. Wollte ein Bauer „braken“, gab er dieses rechtzeitig im Dorf bekannt. Die helfenden Dienstmägde von den Nachbarhöfen freuten sich mehr auf die fröhliche Gesellschaft als auf die Arbeit. Hier wurde nicht nur die Dorfzeitung geschrieben, sondern auch viel Schabernack betrieben, also im wahrsten Sinne des Wortes herumgealbert bzw. herumgeflachst.
Am Tag vor dem „Braken“ wurde der Backofen rechtzeitig angeheizt. Hatte er die nötige Hitze, wurde er gereinigt. Danach kamen die Flachsbündel in den Ofen; die Tür wurde verschlossen und die Hitze konnte die Flachshalme über Nacht rösten und brüchig machen. Am Tag darauf war der große Arbeitseinsatz, bei dem natürlich viel herumgeflachst wurde, besonders gegen Abend, wenn die Knechte dazu kamen. Es wurde gesungen und manchmal auch getanzt. Der Gesang war die Tanzmusik; man brauchte keine Musik zu streamen.
Der Arbeitstag war lang und anstrengend, aber trotzdem ein Erlebnis. Die Bediensteten von den Höfen im Dorf kamen zusammen, unterhielten sich und brauchten keine WhatsApp zu schreiben und nach geeigneten Emojis zu suchen. Das soziale Medium, die „Dating-App Tinder“, gab es nicht. Das soziale Miteinander funktionierte auch ohne diese moderne Technik.
Der krönende Abschluss war ein gemeinsames Essen auf dem Hof des Bauern. Häufig wurde anlässlich dieses harten Arbeitstages ein Kalb oder eine Heidschnucke geschlachtet.
Text und Bilder: Hans-Friedrich Müller