Amelinghausen 1945
Die Volksschule platzt aus allen Nähten
In der Zeit von Juli 1943 bis Februar 1945 war die Schülerzahl in der Volkschule Amelinghausen, in die auch die Kinder aus den Dörfern Sottorf, Etzen und Dehnsen gingen, sehr stark angestiegen.
Nach der Bombardierung Hamburgs Ende Juli bis Anfang August 1943 waren viele Hamburger wohnungslos geworden und mussten im Unland zwangsweise einquartiert werden. Viele Familien fanden in den Dörfern unserer heutigen Samtgemeinde eine vorrübergehende Bleibe. Einige blieben sogar bis Anfang 1950 bei uns, weil sie lange auf eine Zuzugsgenehmigung warten mussten. Die Gesamtschülerzahl betrug Anfang Juli 1943 ca. 190, im Oktober 1943 ca. 240.
Zwei Jahre später, als in den Monaten Januar und Februar 1945 viele Flüchtlingstrecks aus den östlichen Gebieten des ehemaligen Deutschen Reiches zu uns kamen, stieg die Schülerzahl auf ca. 400. Ebenfalls verdoppelte sich die Einwohnerzahl in den umliegenden Dörfern. Ein vernünftiger Unterricht mit Lernzielen, die die Schüler auf das spätere Leben gut vorbereiten sollten, war nicht möglich. Für die große Schülerzahl fehlten Unterrichtsräume und Lehrer. Von den drei Planstellen waren im Mai 1945 nur zwei besetzt.
Schon vor dem Krieg reichten die zwei 46 m2 großen Klassenräume in der 1865 erbauten Schule für einen vernünftigen Schulbetrieb nicht aus. Ein Unterricht, nach Altersstufen differenziert, war nicht möglich. Durch einen Vormittags- und Nachmittagsunterricht konnte man zwei Altersgruppen zusammenfassen, das ging aber auf Kosten reduzierter Unterrichtsstunden pro Klassenstufe. Schon 1939 hatte man einen zusätzlichen Klassenraum vom Nachbarn Karl Isermann (Uelzener Str. 2 / heutige Zahnarztpraxis) gemietet. Dieses war nun der sogenannte Raum 3. Bis August 1943 war das Raumproblem mehr oder weniger gelöst. Mit den zusätzlichen „Hamburger Schulkindern“ ging die Suche nach einem Klassenraum wieder von vorne los. Die Kirche erlaubte der Schule den Konfirmandenraum gegenüber der Schule mitzubenutzen. Dieser Raum hatte die Bezeichnung Raum 4. Jetzt gab es vier Klassenräume, die alle dicht beieinander lagen. Als Anfang 1945 die vielen Flüchtlinge kamen und 400 Kinder schulpflichtig waren, ging die Suche wieder los. Diese vier Klassenräume reichten für 400 Schüler nicht aus. Es musste ein relativ großer Raum in der Nähe der Schule gefunden werden. Das war praktisch wie die Suche nach einer Stecknadel im Heuhaufen, denn alle Häuser waren überbelegt.
Schließlich konnte man dieses Problem doch lösen: Auf dem 1 ½ ha großen schuleigenen Gelände am heutigen Papenstieg am Ortsausgang in Richtung Etzen wurden zwei Arbeitsdienstbaracken aus Echem/Bullenhausen errichtet.
Eine Baracke diente als Klassenraum, die andere war für die Toiletten (Plumpskloh) und Aufbewahrung von Heizungsmaterial.
Die Gesamtkosten für den Abbau, Transport und Aufbau mit Fundamenten und Schornstein am Papenstieg sowie die Herrichtung des Klassenraums betrugen ca. 1000 Reichsmark.
Im Winter wurde der Bollerofen meistens morgens zu spät angeheizt. Wenn der Unterricht begann, war es noch so kalt, dass man die Jacke anbehalten musste. Richtig warm wurde es erst, wenn Unterrichtschluss war. Dieses war der Raum 5.
Nicht alle Fächer wurden in der Baracke erteilt. Häufig musste man zur alten Schule den Berg runtergehen. Ein Teil der kostbaren Unterrichtszeit wurde von der „Wanderschaft“ in Anspruch genommen. Dieser Zustand dauerte bis zur Einweihung der neuen Schule im Jahr 1959.
Nach dem 17. April 1945, als die englischen Truppen Amelinghausen kampflos eingenommen hatten, wurde der Unterricht eingestellt und erst im Herbst 1945 wieder aufgenommen. Auf Anweisung der englischen Besatzungsmacht wurde noch im April das NS-belastete Schulmaterial vernichtet. Die lange unterrichtsfreie Zeit wurde mit viel Sport überbrückt. Geländespiele oder Sportarten, die der militärischen Ertüchtigung dienten, waren nicht erlaubt.
Text und Bilder: Hans-Friedrich Müller
Die alte Schule von 1865 gegenüber der Kirche (Postkarte)
Die Schulbaracke© Archiv: Samtgemeinde Amelinghausen
1959: Der Umzug in die neue Schule an der Straße „Zum Lopautal“
© Werner Freer
Rektor Wilhelm Freer: Begrüßungsrede vor der neuen Schule
© Werner Freer