Zum Hauptinhalt springen

Handwerker finden bei der Reparatur der Kirchturmspitze in der Kugel wichtige historische Dokumente

ein Amelinghausener Geschäftsmann mit ökonomischem Weitblick

„Den nachkommenden Geschlechtern der Kirchengemeinde Amelinghausen thun wir hierdurch kund zu wissen, daß es uns endlich unter des treuen Gottes Beistand und Segen gelungen ist, nach 77. Jahren dem Gotteshause wieder einen Thurm zu verleihen …“ so die einleitenden Worte dieses historischen Dokuments, das uns viele detaillierte Informationen über den Neubau des Kirchturms von 1895 gibt. Pastor Peters, der von 1962 bis 1975 in unserer Gemeinde tätig war, hat das in deutscher Schrift verfasste Traktat von Pastor Ahlert transkribiert, sodass es jeder lesen kann. Soweit historisch belegbar ist der jetzige Kirchturm der dritte in der Geschichte unserer Kirchengemeinde.

1501 bekam die damalige Kirche einen aus Felsen errichteten Turm in der Art eines runden mittelalterlichen Wehrturms, wie in den Nachbargemeinden Betzendorf und Salzhausen. Der Turm kostete nur 317 Reichstaler. Die damalige Gemeinde ließ es sich nicht nehmen, den Turm mit einer großen Feier einzuweihen. Zwei Widder wurden geschlachtet, und es gab reichlich Bier. 1895 gab es kein opulentes Einweihungsfest. Durch den großen Dorfbrand von 1818, bei dem unter anderem das Pastorat und Pfarrwitwenhaus, die Schule und die Kirche ein Opfer der Flammen wurden, war die Kirchengemeinde finanziell stark belastet. Durch den Napoleonischen Krieg und die damit verbundenen ständigen Einquartierungen war die Dorfbevölkerung ohnehin wirtschaftlich gebeutelt.

Eigentlich hätte die Kirche die Feuersbrunst vom Juni 1818 überstehen müssen, da sie mit Dachziegeln eingedeckt war. Als eine Stunde nach Beginn des Feuerausbruches sieben Bauernhäuser mit diversen Nebengebäuden - alle mit Stroh eingedeckt - abgebrannt waren, fing am späten Nachmittag auch der mit Holzschindeln gedeckte Turm Feuer. Da er zum Gewölbe der Kirche hin eine Öffnung hatte, brannten letztendlich beide Gebäude lichterloh. Von der Kirche blieben nur ein Teil der Umfassungsmauern erhalten. Der Turm hatte kein Dach mehr, die Mauern hatten aber das Feuer überstanden.

Pastor Ahlert gibt für den Verfall des Mauerwerks vom Turm folgenden Grund an: „ Dieses durch Feuer nicht zerstörte Mauerwerk erhielt nach dem Brande infolge der Witterungseinflüsse einen großen Riss, so daß die Vorfahren nichts besseres damit anfangen wußten, als sie im Jahre 1927-1831 unter Schwierigkeiten niederzureißen und das Material zu verkaufen“

Die Kirche war nach zweijähriger Bauzeit 1820 im Rohbau fertig und wurde für den Gottesdienst geweiht. Aus den zwei durch das Feuer geschmolzenen Bronzeglocken wurde eine neue gegossen; sie fand ihren Platz an einem mit Holz verkleidetem Glockenstuhl, der an der Grenze zum Hof Studtmann aufgestellt wurde.

Als im Laufe der Zeit rund um die Kirche – also auf dem Kirchhof – nicht mehr genügend Platz für Beerdigungen war, kam es zu einem Flächentausch zwischen der Kirche und dem Hof Studtmann. Studtmanns erhielten an ihrer Grenze zum Kirchhof 2500m2 und die Kirche 10.000m2 Ackerland in Richtung Etzen im Anschluss an den „Neuen Friedhof“, wie er damals noch hieß. (Quelle Kirchenarchiv: Tauschvertrag vom 24. Februar 1887)

Jetzt stand der Glockenstuhl plötzlich nicht mehr auf dem Grund und Boden der Kirche, und der Kirchturm war erst acht Jahre später fertig. Wann der Glockenstuhl abgerissen wurde, ist nicht aktenkundig geworden.

Nun lag es nahe, dass die Dorfbewohner den Studtmannschen Hof als Glockenhof bezeichneten und die Ehefrau „Glockenbuers Mama“.

Der Anstoß zum Turmbau kam vom Altenteiler Daniel Becker aus Ehlbeck, der der Gemeinde 1861 hundert Taler schenkte. „1887 hat die früh verstorbene Jungfrau Dora Hartmann aus Sottorf der Kirche…in ihrem Testament 1500 Mark zum Zwecke des Turmbaus vermacht“. (Pastor Ahlert)

Die Gesamtkosten des Turmbaus – ohne Glocken, Glockenstuhl und Turmuhr- betrugen 17.500 Mark. Am 9. April 1895 begannen der ersten Arbeiten; am 17. August 1895 waren die Mauerarbeiten fertig. Es folgten die Zimmerarbeiten und die Dacheindeckung mit Schiefer. Ein Durchreisender mit dem Namen Ferdinand Stelter kam Anfang 1885 nach Amelinghausen und wollte eigentlich nur eine Nacht bleiben. Daraus wurden aber mehrere Nächte. Als man erfuhr, dass er von Beruf Dachdecker war, hat man ihn sofort angeheuert und ihm eine Wohnung in der ehemaligen Post – gegenüber der Hofeinfahrt zum Glockenhof - versprochen. Er hatte seinen Meister, war ein versierter Schieferdecker, machte sich selbständig und blieb in Amelinghausen. (Horst Stelters Erinnerungen)

Text und Bilder: Hans-Friedrich Müller

Die abgetretene Fläche von der Kirche an Studtmanns. Hier stand der provisorische Glockenturm.

Der provisorische „Glockenturm“ kurz vor der Fertigstellung des
neuen Kirchturms.

Diese Postkarte stammt aus der Zeit um 1920.
Der Baustil des Kirchturms ist Neogotik.