Sonntag, der 11. September 1960
Ein Hauch von Hollywood in Amelinghausen/Sottorf
Dieser Sonntag war ein aufregender Tag für die Bewohner von Amelinghausen und Sottorf. Anlass war ein zweites Heideblütenfest, was seit 1949 noch nie vorgekommen war. Die erst im August 1960 gewählte Heidekönigin Ellen Manger aus Lüneburg, die gerade mal drei Wochen in Amt und Würden war, musste ihre Krone an die neugewählte Heidekönigin „abgeben“. Dass es im Leben Ausnahmezustände gibt und Festivitäten anders als geplant verlaufen, haben wir 2019 erfahren, als unsere damals gewählte Heidekönigin Leonie Laryea aufgrund der Corona-Pandemie drei Jahre ihr Amt ausüben „musste,“ was sie gut gemacht und meiner Meinung nach auch genossen hat.
Ellen Manger musste ihre Krone nicht wegen einer Palastrevolution nach drei Wochen abgeben. Sie war motiviert genug und hatte auch das nötige Charisma für eine Heidekönigin. Der Grund ihrer „kurzen Amtszeit“ war der Kinofilm „Wenn die Heide blüht“, der in Wilsede, Schneverdingen und Amelinghausen gedreht wurde.
Die Zimmer in den damaligen vier Gastwirtschaften - Rörup, Studtmann, Schenk und Fehlhaber – waren für die Drehzeit alle voll belegt. Einige schon ein paar Tage vorher, weil vier Festwagen für den Umzug geschmückt werden mussten. Die kurze Zeit dafür reichte, denn die Festwagen waren bis Mitte der 1960er Jahre bei weiten nicht so aufwendig geschmückt wie heute. Da der Umzug durch den historischen Kern von Sottorf (Im Dorfe) ging, wurden sie vermutlich auf den Höfen von Werner Ebel, Otto Dierßen und Helmuth Petersen geschmückt und auch dort für den Umzug geparkt. Alle drei Höfe hatten Strohdachhäuser und schienen das richtige Ambiente für das dörfliche Leben zu haben.
Viele Autogrammjäger waren unterwegs, um von den damals bekannten Filmschauspielern – Wiily Fritsch, Joachim Hansen, Veronika Beyer, Hans Richter, Peter Carsten, Heinz Engelmann u. a. - Autogramme zu ergattern.. Sogar Heinrich Rambach bekam während einer Drehpause vom Schauspieler Willy Fritsch ein Autogramm auf seine Pauke geschrieben, weil er kein Papier bei sich hatte. Schon im Vorfeld wurde mit einer großen Plakataktion auf die Filmaufnahmen aufmerksam gemacht und die Bevölkerung „höflichst eingeladen“.
Ab 10 Uhr begannen in der Kronsbergheide die Filmaufnahmen mit einigen volkstümlichen Darbietungen, die von einem Quartett mit uralten Volksweisen musikalisch umrahmt wurden. Höhepunkt war die Wahl der Heidekönigin. Otto Engel von der Oldendorfer Mühle und Mitglied des Oldendorfer Schützenvereins hatte die Ehre, die Förstertochter Anne- gespielt von der Schauspielerin Veronika Beyer – zur Heidekönigin zu proklamieren. Der krönende Abschluss war ein Walzertanz mit der Königin und ihren Mitbewerberinnen. Die „abdankende Königin“ Ellen Manger hatte als Tanzpartner den Schauspieler Rainer Brandt, der – wie sie erzählte – keinen Walzer tanzen konnte. Während der Drehpausen konnte sie sich mit den Schauspielern ganz normal unterhalten, ohne Starallüren festzustellen. Joachim Hansen war anders aufgetreten bzw. wahrgenommen worden. Er trug seine Nase etwas höher, was wohl an seiner Größe lag.
Die Filmaufnahmen vom Umzug mit den vier Festwagen wurden in Sottorf gemacht. Auf den Bildern ist der Streckenabschnitt der Straße „Im Dorfe“ vom „Röthenweg“ bis zum Hof Petersen zu sehen. Der ehemalige Bauernhof von Otto Dierßen (gegenüber von Burkardt Ebel) ist inzwischen abgerissen und neu bebaut. Der Spielmannzug von Amelinghausen wurde vom Tambourmajor Arnold Bruns angeführt. Die vier Festwagen wurden von Pferden gezogen, die es zu der Zeit nur noch auf wenigen Höfen gab. Der Wagen mit den Bewerberinnen für die Wahl zur Heidekönigin wurde von Karl Heinz Diersen gelenkt. Neben ihm auf seinem Wagen saß die Schauspielerin Veronika Beyer, mit der er sich in den Drehpausen lange angeregt unterhalten konnte. Das war ein aufregender aber sehr interessanter Tag für die Bevölkerung von Amelinghausen und Sottorf. Der Film hat keine gute Kritik bekommen. Er hat noch nicht einmal die Produktionskosten eingespielt. Die Verherrlichung der Natur mit Aufnahmen vom ländlichen Leben aus der Vorkriegszeit - umrahmt mit schnulzenartigen Liedern - war 1960 nicht mehr zeitgemäß und auch nicht geeignet, die damalige Jugend zu begeistern.
Text und Bilder: Hans-Friedrich Müller
Die Amelinghausener Heidekönigin
Ellen Manger
Otto Engel vom Oldendorfer Schützenverein
proklamiert die Heidekönigin (Veronika Beyer)© Jonas Engel
Joachim Hansen, Veronika Beyer und Willy Fritsch vor dem Haus von Otto Dierßen
Heinrich Rambachs Pauke bekommt ein Autogramm von Willy Fritsch
Der Spielmannzug Amelinghausen
Der Walzertanz in der Kronsbergheide
Die Bewerberinnen für die Wahl zur Heidekönigin
Kinoplakat „Wenn die Heide blüht“