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Amelinghausen um 1750
Eine couragierte Frau bietet der Männerwelt die Stirn

Der Begriff Emanzipation, also der Wunsch nach gleichen sozialen und politischen Rechten für ein selbstbestimmtes Leben für Frauen, war im 18. Jahrhundert ein unbekanntes Wort. 1865 wurde im Königreich Sachsen der erste Frauenverein gegründet. Mit der Gründung des Deutschen Kaiserreiches von 1871 nahm die Zahl der Frauenvereine rapide zu, sodass es 1894 zur Gründung einer Dachorganisation kam. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges 1918 politisierten sich die Frauen und kämpften für das Frauenwahlrecht, das sie bis dato nicht ausüben durften. Die vier Kriegsjahre, in denen die Frauen auf sich selbst gestellt waren, weil ihre Männer an der Front waren, haben ihr politisches Selbstbewusstsein enorm gestärkt. Mein Großvater erzählte mir, dass er nach vier Kriegsjahren zu Hause nichts mehr zu sagen hatte: „Miene beiden Fruens (Frau und Tochter) weern mi öber, hebt mi nich mehr bruukt“.  Die patriarchalischen Strukturen in der Gesellschaft blieben weiterhin bestehen und sind bis heute noch nicht völlig aufgehoben.

Die „emanzipierte“ Frau aus Amelinghausen war die Witwe des 1740 verstorbenen Pastors Jakob Friedrich Iden. Sie lebte nach dem Tode ihres Mannes in dem Pfarrwitwenhaus am heutigen Jungfernstieg (heute Rainer Schütze). Das Haus, das wie ein kleines Bauernhaus mit Wohn- und Viehteil aussah, war in einem sehr schlechten Zustand und bei Wind, Regen und Kälte praktisch unbewohnbar. Schon 1750 hatte sie in einem Brief um eine Renovierung ihres Hauses gebeten. Der schlechte bauliche Zustand des Pfarrwitwenhauses wird auch von Pastor Meybrinck in seinem 1785 verfassten Vermögensverzeichnis „Corpus Bonorum“ erwähnt. Der damalige Pastor Johann Joachim Cappe (1740–1753 Pastor in Amelinghausen) hielt es nicht für nötig, die miserablen Wohnbedingungen durch entsprechende Reparaturen zu beseitigen. Im Brief vom 4. Mai 1754 an das kirchliche Consistorium in Hannover (oberste Kirchenverwaltung) schreibt Frau Iden Folgendes:

„Meine Hochgebittende Hohen Obern können es sich unmöglich vorstellen so schlecht wie es ist, ich wohne fast nicht anderß wie untter dem bloßen Himmel, und weiß mir im winter nicht zu bergen vor frost und regen. Ich habe dieser halber vor wenigen Jahren an den Herrn ober Ambtmann Tiling diß geklaget, und ihn um eine reparation ersuchet. Derselbe wahr auch so gütig und nahm es in augenschein, erkennet es auch die höchste nothwendigkeit der besserung meines Haußes, auch gab er an den da mahligen Herrn Pastor Cappen beschieden das Hauß repariren zu lassen, da aber Herr Cappe ein bestendiger feind in meinem wittwenstande ist geweßt, so hat sein bößes gemüht nicht wollen zulassen mir behülflich zu sein, sondern anstad deßen mir auff aller hand art schendlich und heßlich Blamirt, ja er hat es so heßlich nicht auß denken können wie er von mir gesprochen…seine alte Mutter hat ihn in öffentlicher gesellschaft mahl herzlich gebetten er sollte sich das schendliche lügen abgewennen, er gebe gahr kein gut exempel seine beicht Kinder wie auch seine eigen Kinder. Man sagt hier von ihm wan Cappe sein Maul auff und zu tut so weiß man schon was kommen solle er hat gelogen oder er will lügen villes mehr zu verschweigen…“

Die Witwe Iden hat in dem Brief an das Consistorium ihren Zorn gegenüber Pastor Cappe mit sehr kritischen und mutigen Formulierungen zum Ausdruck gebracht, was für die Zeit untypisch war – und dann noch von einer Frau. Ob  Pastor Cappe den Brief zu Gesicht bekommen hat, entzieht sich meiner Kenntnis. 1753 hat er sich praktisch „vom Acker gemacht“ und die Pfarrstelle in Pattensen bei Winsen übernommen.

1755 erwähnt  die Pastorenwitwe Iden in einem zweiten Brief an die Kirchenoberen, dass  seit 1754 keine Reparaturen an ihrem Witwenhaus durchgeführt worden wären.

„Nun habe ich leider wider ein gantzes jahr mich so elendt in den elenden und gefehrlichen feuer Hütten, da ich keine nacht sicher auff meinem bette kan ohne große Sorge wegen feuers bunst zurück geleget, es wohnet kein betler so schlecht in dießer gemeine wie ich wohne es dauert dießer mein hülfloser zustandt schon ins 17.jahr“.

Quelle: Hauptstaatsarchiv Hannover; Hann 93II Nr. 8014.  Transkribiert von H.Fr. Müller)

1755 wurden die Reparaturen am Pfarrwitwenhaus durchgeführt. Die Kosten betrugen 60 Reichstaler und 5 Gute Groschen. Die Pfarrwitwe konnte nun sicher und trocken wohnen. In einem  amtlichen Brief vom 14. Febr. 1756 ist zu lesen: „So hoffe ich, Sie werden sich nunmehro Beruhigen“.

Die Witwe von Pastor Iden hat Ihre Briefe nie mit ihrem Vornamen unterschrieben. Sie nennt sich schlicht und ergreifend „Wittwe Iden“. Sie definiert sich also allein über ihren Mann. Insofern ist sie in unserem heutigen Sinn keine emanziperte Frau, obwohl sie vehement auf ihr Recht gepocht und Tacheles geredet hat.

Text und Bilder: Hans-Friedrich Müller

Witwe Idens Brief von 1754

Gesamtkosten für die Renovierung des Pfarrwitwenhauses