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Die Dorfstraße „Grenzweg“ - Wo ist das kleine Häuschen für die Grenzkontrolle?

Nach dem 2. Weltkrieg hat die Bevölkerung in Amelinghausen stark zugenommen. Gründe dafür waren die vielen Flüchtlinge und der beginnende Bauboom nach der Währungsreform von 1948. Die alten Hausnummern mussten durch Straßennamen ersetzt werden. Nicht nur für den Briefträger war diese Entscheidung gut. Straßennamen kann man sich leichter einprägen als die vielen Hausnummern (über 100!) mit den dazugehörigen Namen der Hausbesitzer.

In der Vergangenheit wurde ich oft von Dorfbewohnern gebeten, über den genauen Grenzverlauf zwischen den ehemaligen Gemeinden Amelinghausen und Sottorf im Bereich des heutigen Grenzweges zu berichten. Diesem Wunsch möchte ich heute gern nachkommen.

Bis zum 1. April 1970 waren beide Dörfer politisch eigenständige Einheiten, die bis 1945 im Wesentlichen landwirtschaftlich geprägt waren. Im 19. Jahrhundert gab es in Amelinghausen (1829) und Sottorf (1843) Flurbereinigungen mit dem Ziel, die vielen kleinen Flurstücke zu größeren Koppeln zusammenzulegen. An einigen Stellen wurden unter beiden Dörfern Ackerflächen ausgetauscht, um die Dorfgrenzen zu begradigen. Dieses betrifft auch die ehemaligen Ackerflächen auf beiden Seiten des oberen Abschnitts des heutigen Grenzweges, insbesondere die Ackerfläche „Tiefer Berg“. In dem Amelinghausener Verteilungsregister von 1835 ist diese ca. 2 ha große Fläche als „hiesige“, also dem Glockenhof zugehörige Fläche, vermerkt. Zehn Jahre später erscheint dieselbe Fläche im Sottorfer Verteilungsregister als Sottorfer Gebiet, die einem Auswärtigen (Buchstabe A in der Karte) gehört.

Die Frage, ob die Ackerfläche „Tiefer Berg“ im 19. Jahrhundert zu Amelinghausen oder Sottorf gehörte, kann anhand der mir vorliegenden Quellenlage nicht eindeutig beantwortet werden.

Anfang der 1950er Jahre wurde im Rahmen einer erneuten Sottorfer Flurbereinigung der obere Teil des Grenzweges – also vom Gärtnerweg bis oben zur Haselhopstraße - ausgebaut und als rechtlich verbindliche Gemarkungsgrenze zwischen beiden Dörfern festgelegt. Durch das Lastenausgleichsgesetz in Verbindung mit dem Siedlungsprogramm für Flüchtlinge vom 1. September 1952 waren die Kommunen gezwungen, Bebauungspläne zu erstellen. Einige Sottorfer Bauern hatten vor der Flurbereinigung kleine Ackerflächen auf der Amelinghausener Seite, die sie abgetreten haben. Sie wurden an anderen Stellen in der Sottorfer Gemarkung entschädigt. Der neu geschaffene sechs Meter breite Grenzweg war eine Erschließungsmaßnahme für die Siedlungshäuser im oberen Bereich des Grenzweges.

Alle Grundstücke mit geraden Hausnummern gehörten von 1955 bis 1970 offiziell zur Gemeinde Sottorf. Die Familie Kliefoth hatte einen in Sottorf ausgestellten Ausweis (Aussage von Else Kliefoth). Würde man heute die älteren dort noch lebenden Bewohner fragen, ob sie vor 1955 Sottorfer oder Amelinghausener waren, könnten sie sagen: „Bis 1955 sowohl als auch. Wir hatten eine doppelte Staatsbürgerschaft“.

Bis 1945 gab es auf der Sottorfer Seite im Abschnitt von der heutigen Apotheke bis hin zum „Tiefen Berg“ nur das Haus von Ernst Kliefoth.

1928 haben Kliefoths ca. 3500 m2 Land von Bauer Studtmann gekauft und eine Gärtnerei betrieben. Die Zufahrt war ein unbefestigter Sandweg bis zum heutigen Gärtnerweg. Die Amelinghausener konnten die Gärtnerei nur über einen Trampelpfad über den Pavillionsberg erreichen.

Das Kliefothsche Anwesen schien in der Vergangenheit nicht immer ortsmäßig richtig einzuordnen gewesen sein. Aus den mir zur Verfügung stehenden Akten der Familie geht hervor, dass Briefe mit Sottorf 83 und auch Amelinghauen 83 adressiert waren. In einem Grundbuchauszug aus der Zeit vor der Zusammenlegung der beiden Dörfer ist folgender Vermerk.

Grundbuch Amelinghausen, Größe des Grundstücks…, Lage des Grundstücks: Gemeinde Sottorf

Hier könnte ich meine Behauptung vom Anfang meiner Ausführungen, dass das Flurstück „Tiefen Berg“ politisch nicht eindeutig einzuordnen ist, zurücknehmen. Man muss doch davon ausgehen, dass Grundbücher gewissenhaft geführt werden.

Unsere Ortsgeschichte zeigt sich hier durchaus divers. Für ein gutes Zusammenleben ist eine kosmopolitische Haltung nicht verkehrt. Aber eine kleine Portion Lokalpatriotismus beim Bier würzt das Gespräch.

Text und Bilder: Hans-Friedrich Müller

© Kliefoth

© Kliefoth