Amelinghausen – schon 1913 Probleme mit der Bahn
Die Trasse der 1913 eingeweihten Eisenbahnverbindung Lüneburg/Soltau sollte nach der ursprünglichen Planung westlich von Amelinghausen (Döhren/Hessenweg) verlaufen. Die Amelinghausener haben sich heftig dagegen gewehrt. Da der Wind häufig aus Westen kommt, befürchteten sie eine starke Qualmbelästigung des Dorfes durch die schnaufenden Dampflokomotiven.
Daraufhin wählte man die Trasse – so wie sie heute noch verläuft - zwischen Sottorf und Amelinghausen. Die Bahnstrecke verläuft ausschließlich über Sottorfer Gebiet; aber zum Leidwesen der Sottorfer musste die Bahnstation Amelinghausen/Sottorf heißen, weil nach dem Gesetz der größere Ort zuerst genannt wird. Sie haben sich dennoch für die Bahn auf ihrem Gebiet entschieden. Diese Streckenführung war bautechnisch sehr aufwendig, denn die Sottorfer Vierberge in Richtung Drögennindorf mussten durchschnitten und die Lopau mit einer hohen Brücke überquert werden, um die Steigung zu verringern. Trotzdem beträgt die Steigung dennoch 1:60 und ist die größte in ganz Niedersachen. Längere Güterzüge mussten immer berghoch von zwei Lokomotiven gezogen werden, und für die Talfahrt hatte der letzte Güterwagen einen Bremser.
Ein großer Befürworter der Bahnanbindung war der Kartoffelhändler Arthur Joost; er war überzeugt, dass sie für Sottorf und die umliegenden Dörfer wirtschaftlich von großem Vorteil sein würde. Er war als erfolgreicher Kartoffelhändler bekannt und konnte nun durch die Bahnanbindung seine Kartoffeln kostengünstig über große Entfernungen vermarkten, sogar bis ins Ruhrgebiet. Durch seine weitreichenden Geschäftsbeziehungen konnte er sich einmal kurz mit dem Stahlproduzenten Krupp unterhalten und ihm gesagt haben: „Sie sind der Panzerkönig und ich der Kartoffelkönig“.
Durch die Bahnanbindung gab es rund um den Bahnhof einen Bauboom. Arthur Joost baute sich ein großes Lagerhaus mit einem eigenen Gleisanschluss, das rechts auf der heutigen Zufahrt zum Parkplatz vom Einkaufszentrum stand.
Am Ende des Bahnhofs an der Wohlenbütteler Straße wurde die sogenannte Flockenfabrik gebaut, die von den Bauern genossenschaftlich betrieben und nach 1945 durch eine Kartoffeldämpfanlage erweitert wurde.
Der Ofensetzer Petersen hat ebenfalls zeitgleich eine Molkerei an der Oldendorfer Straße gebaut, die er 1928 verkauft hat. In der Folgezeit hat sie viermal den Besitzer gewechselt, bis Waldemar Huck und seine Frau sie 1939 gekauft haben. Nach dem plötzlichen Tod von Waldemar Huck im Jahr 1972 wurde die Molkerei an Hans-Jürgen Müller verkauft, der einen Lohnabfüllbetrieb für Spirituosen führte. Seit 1981 befindet sich hier ein Fitness-Studio.
Links neben der ehemaligen Molkerei befand sich ein Gebäude des Landhändlers Hermann Hedder, der es 1959 an die Molkerei, die sich vergrößern wollte, verkauft hat. Er baute auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnhofsgeländes (heutiger Parkplatz vom Einkaufzentrum) seinen Landhandel mit Wohnhaus, Lagerräumen und Kornsilos neu auf.
Der Landhandel hieß nun „Hermann Hedder und Sohn“, bis der Landhändler Rudolf Peters aus Roydorf den Betrieb kaufte. Inzwischen bekam dieses neue „Gewerbegebiet“ einen Gleisanschluss, nicht nur für den Landhandel Hedder und Sohn, sondern auch für die Kartoffelsortieranlage und Zuckerrüben-Verladerampe. Der Lagerplatz für Grubenholz wurde mit der Zeit immer kleiner, weil durch die Schließung von Kohlebergwerken die Nachfrage immer weniger wurde.
Am Ende des eigentlichen Bahnhofsgeländes, das relativ schmal ist, befanden sich mehrere Lagerschuppen. Einige davon gehörten dem Landhändler Karl Oldendorf, einem Geschäftsmann, der aufgrund seiner Fairness von vielen Bauern geschätzt wurde. Hinter seinen Lagerschuppen befanden sich die Getreidemühle und Kornsilos sowie sein Wohnhaus.
Das Bahnhofsgebäude war das Sottorfer Kommunikationszentrum. Alles, was man zum Verkauf anlieferte oder an Mineraldünger oder Saatgut abholte, war mit viel Handarbeit verbunden, die mit einem Bier und Schnaps belohnt wurde. Alle Sottorfer Gemeinderatssitzungen fanden in der Bahnhofsgaststätte statt, auch die Feiern von der Feuerwehr. Die Räumlichkeiten waren klein, aber dafür gemütlich. Das Steueraufkommen aus Handel und Gewerbe war in Sottorf wesentlich höher als in Amelinghausen. Das Steuersäckel war immer voll. Wenn man die Zusammenlegung der Dörfer Sottorf und Amelinghausen mit einer Hochzeit vergleicht, könnten die Amelinghausener sagen: „Die Sottorfer waren eine gute Partie.“.
Text und Bilder: Hans-Friedrich Müllerr
Molkerei 1959 © A. Macht
Personal von der Molkereri um 1930 © A. Macht
Blick auf den Grubenholzplatz, Kartoffelsortieranlage und Landhandel Hedder © W. Meyer
Landhandel Peters, Roydorf (Nachfolger von Hedder) © W. Meyer
Lagerhaus Arthur Joost, nach 1945 Saatreinigung Tödter
© W. Meyer
Blick auf das Bahnhofsgebäude 1975 © W. Meyer
Postkarte der Flockenfabrik